Wenn in diesen Tagen kleine Mäh-Maschinen durch die Heide fahren, wirkt das auf den ersten Blick sehr ungewohnt. Doch was aussieht wie ein massiver Eingriff, ist in Wahrheit eine Verjüngungskur. Mit dem Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Naturschutz und der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten wird in diesen Tagen im Naturschutzgebiet Süderlügumer Binnendüne im Kreis Nordfriesland nahe der deutsch-dänischen Grenze eine überalterte Heide gemäht – mit einem klaren Ziel: neues Leben zu ermöglichen. Die sogenannte Heide-Mahd ist ein bewährtes Verfahren, um knorrig-verwachsene Heidebestände zu verjüngen. Wird die im August pink-blühende Besenheide (Calluna vulgaris) geschnitten, treibt sie aus ihren Wurzeln wieder frisch aus. Gleichzeitig gelangt mehr Licht auf den Boden – die Voraussetzung dafür, dass neue Heidepflanzen keimen können. »Heide ist eine alte Kulturlandschaft. Um sie zu erhalten, braucht es Pflege. Ohne sie vergreist sie, wird überwuchert und verliert ihre typische Struktur«, erklärt Dr. Christian Dolnik, Projektleiter und Heideretter der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Einst bedeckten diese offenen, von Sonne durchglühten Landschaften rund 17 Prozent der Landesfläche Schleswig-Holsteins. Heute sind sie selten geworden – vor allem im Binnenland. Wo früher Heide blühte, breiten sich Gräser und Sträucher aus. Und mit der Heide verschwinden auch zahlreiche Tiere und Pflanzen, die das pinke Blütenmeer zum Leben und Überleben brauchen.
Vom Altbestand zum Neubeginn durch eine Samenspende
Doch in diesem Fall endet die Maßnahme nicht auf der Fläche selbst. Das gewonnene Heide-Mahdgut – reich an Samen, Moosen und Flechten – wird nicht entsorgt, sondern weiterverwendet. Es kommt auf eine Binnendüne im fünf Kilometer entfernten Naturschutzgebiet Schwarzberger Moor. »Dort wollen wir den Heide-Lebensraum von einst mit dieser altbewährten Methode wiederherstellen – aus dem Dornröschen-Schlaf wecken«, erklärt Naturschutzexpertin Dr. Katharina Mausolf von den Landesforsten. Nach dem zweiten Weltkrieg war die dortige Heide umgebrochen und in Grünland verwandelt worden. Nun wird sie Schritt für Schritt zurückgeholt. Mit Unterstützung von Fördermitteln des Landes Schleswig-Holstein (MEKUN) wurden zunächst mit einem Bagger die oberste Bodenschicht aus nährstoffreichen Grassoden entfernt. Zum Vorschein kam der alte, magere Heidesand – die Grundlage für eine neue Heide-Generation. »Aus dem aufgebrachten Mahdgut fallen nun die Samen, die in den kommenden drei Jahren keimen und wachsen sollen. So lange braucht die Heide, um auf dem nährstoffarmen Sandboden wieder zur Blüte zu gelangen«, weiß Dr. Christian Dolnik, Maßnahmen-Manager der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein.
Rückkehr der Spezialisten
Mit der Heide kehren auch ihre typischen Bewohner zurück: Sandbienen graben ihre Nester in die offenen Bodenstellen, Sandlaufkäfer jagen über den warmen Untergrund und der blau-schillernde Frühlings-Mistkäfer findet wieder geeignete Bedingungen. Im kommenden Herbst sollen zudem stark gefährdete Pflanzenarten wie Arnika und Schwarzwurzel neu angesiedelt werden. So entstehen aus einer technischen Maßnahme gleich zwei lebendige Heide-Schwestern – eine im Naturschutzgebiet Süderlügumer Binnedüne und eine im Naturschutzgebiet Schwarzberger Moor – zwei Lebensräume, für die Schleswig-Holstein eine besondere Verantwortung trägt. Denn die leuchtend-pink-blühenden Heiden gehören zum Land wie das Meer und der Horizont.
Gemeinsam für die Heide
Die Maßnahme ist eine Gemeinschaftsaktion der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein und der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, die die naturschutzfachliche Betreuung des Naturschutzgebietes innehaben. Revierförster Jörn-Hinrich Frank: »Als Forstleute arbeiten wir jeden Tag mit naturnaher Waldwirtschaft und langen Zeithorizonten. Was hier entsteht, ist eine neue Heidefläche und auch ein Stück zurückgewonnene Landschaftsgeschichte. Die Landesforsten und die Stiftung Naturschutz setzen damit ein klares Signal, dass aktiver Naturschutz seltene Lebensräume nicht nur erhält, sondern neu wachsen lassen kann.«